Der Neptunbrunnen auf dem Bremer Domshof.
I. Das Kunstwerk an sich
Kommt man vom Marktplatz aus auf den vor einigen Jahren zur Fußgängerzone umfunktionierten Domshof, so erblickt man als erstes den Neptunbrunnen; es sei denn, wir haben Markttag und der Brunnen verschwindet inmitten der Stände und Wagen. Jetzt im Winter ist der Brunnen natürlich nicht in Betrieb, deshalb kann ein vollständiger Eindruck des Brunnens hier nur nach der Ansicht von Photos wiedergegeben werden.
Der Brunnen, zu dem Treppen hinaufführen, ist schätzungsweise dreieinhalb Meter hoch und hat eine Grundfläche von vielleicht vier mal sechs Metern. Sämtliche Figuren sind aus Bronze gegossen, als Steinsockel wurde grüner Andeer-Granit verwendet.

Poseidon.
Das Motiv
Dargestellt sind Gestalten aus der griechischen und der römischen Mythologie. Um an die Hafenstadt Bremen zu erinnern, wurden naheliegenderweise die Meeresgottheiten ausgewählt. Dominierende Figur ist Poseidon, lat. Neptun, der Beherrscher der Meere. Die hier genutzten Symbole, dies zu verdeutlichen, sind Dreizack und Pferdegespann. Poseidons Sohn Triton scheint seinem Vater vorauszueilen, um sein Kommen anzukünden. Hinter Poseidon befindet sich eine Proteusfigur, dieser war ein weissagender Meergreis, der sich in verschiedene Gestalten verwandeln konnte. Nur wer ihn in einer Gestalt festhalten konnte, konnte von ihm eine Weissagung erzwingen. Proteus gehört genauso wie auch Nereus nicht zum Gefolge Poseidons. Der am Beckenrand versunken dasitzende Nereus jedoch ist der Vater der fünfzig Nereiden, der Nixen. Zwei dieser Gefolgsfrauen Poseidons sind auch zu sehen, deutlich erkennbar an ihrem den Fischen nachempfundenden Unterteil. Jetzt im Winter kann man sogar die Fische auf dem Boden des Brunnens erkennen, die ohne Wasser reichlich verloren wirken.

Triton.
Woher kommt der Name?
Wie schon ersichtlich wurde, scheint der Künstler Waldemar Otto, der am 30. März 1929 in Petrikau in Polen geboren wurde, obwohl die griechisch-römische Mythologie es ihm anscheinend angetan hat, nicht auf "Details" zu achten; diesen Brunnen "Neptunbrunnen" zu benennen, den Gestalten jedoch griechische Namen zu geben, erscheint mir etwas widersinnig. Bei normalen Leuten würde man von Dummheit sprechen; bei Künstlern von sogenannter "künstlerischer Freiheit". Eine ebenfalls im Denkmal eingelassene Bronzeplatte manifestiert die Unsensibilität des Künstlers gegenüber der Mythologie.
Kurzer Lebenslauf des Künstlers
Nach der Flucht aus dem von den Deutschen besetzten Polen nach Halle an der Saale studiert Waldemar Otto 1948 in Berlin Bildhauerei. Nach einem Italienaufenthalt 1954/55 wird dem Künstler klar, daß die "Kategorien des Unfertigen und Spröden" seinen Weg bestimmen werden. 1961 entstehen die ersten Torsi. Nach Aufenthalten in den USA und wieder in Berlin erreicht er 1973 schließlich Bremen, um dort an der Hochschule für Künste Professor zu werden. 1976 läßt er sich in Worpswede nieder, nach Bernhard Hoetger (1914-32) der erste reine Bildhauer in der Künstlerkolonie. 1984 fängt Otto mit der Arbeit an den sogenannten "Sockeltorsen" ein. Ab 1986 beherrschen mythologische Figuren seine Kunst, so Bacchus, Hephaistos oder Aphrodite. 1990 erschafft der Bildhauer die ersten Entwürfe für den Neptunbrunnen in Kleinformat, 1991, im Jahr der Wiedervereinigung, wird das dritte Werk Waldemar Ottos nach dem "Segment einer Zuschauertribüne" und "Zur Schicht" in Bremen auf Anregung Bremer Bürger aufgestellt.
Interessant fand ich folgenden Ausspruch Ottos: Kunst im öffentlichen Raum könne nur dann interessieren, wenn sie in "künstlerisch überzeugender Weise" "Problematisierungen gesellschaftlicher Tatbestände" verbildliche. Das erstere trifft wohl zu, letzteres dagegen eher weniger. Ich für meinen Teil kann keine tiefere soziale Aussage entdecken.
II. Wirkung des Kunstwerks
Brunnen und Domshof
Dieses Kunstwerk hat eine klar erkennbare Vorder- und eine Rückseite. Kommt der Betrachter von hinten an den Brunnen heran, so sieht er Gerüste, die Figuren wirken unfertig. Von der anderen Seite kann man den Brunnen leicht übersehen, einerseits infolge einer rücksichtslosen Aufstellung von Marktbuden, andererseits durch die an die Dächer der Häuser im Hintergrund angepaßte grüne Farbgebung. Steht man jedoch direkt vor dem Brunnen, wirkt der Poseidon vollkommen anders: Seinen Dreizack in die Höhe erhoben, droht er sich auf den Betrachter zu stürzen. Die kleineren Figuren werden dadurch interessant, daß man teilweise um sie herumgehen muß, um sie ganz zu erfassen. Nachdem ich den Nereus von der einen Seite skizziert hatte, erkannte ich auf der anderen Seite noch viele neue Details. Auch der Proteus mit seiner groben Form, im Verwandlungszustand begriffen, enthüllt dem aufmerksamen Betrachter, wenn er näher kommt, genauere Züge seiner künftigen Figur. Hier hat der Künstler das Ziel der Darstellung einer Verwandlung vollkommen erreicht.
Architektur und plastisches Kunstwerk
Der Domshof ist ein großer, leerer Platz. Neben dem Brunnen füllen für gewöhnlich nur ein paar Bäume die Leere teilweise aus. So kann man den Brunnen denn auch mit den verschiedensten Häusern als Hintergrund betrachten. Von vorne gesehen sieht man ihn vor einem Haus, daß der Farbe nach gut zu dem Brunnen paßt. Der Brunnen gelangt dem Betrachter in den Vordergrund, das Haus bildet die passenden Szenerie. Auch die Bremer Bank auf der rechten Seite mit den Bäumen davor bildet zusammen mit dem Brunnen eine gelungene Komposition. Wenn man den roten Dom im Hintergrund sieht, betrachtet man gleichzeitig das Werk von hinten. So ist die Wirkung meines Erachtens sowieso geringer; der Blick von hinten soll aber wohl neugierig machen, den Brunnen von vorne anzuschauen. Die schon genannten Bauten waren alle älteren Datums oder behutsam der sie umgebenden alten Fassaden angenähert. Im Zusammenspiel mit modernen Kunstwerken eignen sich alte Häuser oftmals sehr gut, moderne dagegen nur teilweise. Haben diese Häuser nicht gerade Spiegelfassaden (ein Beispiel dafür wäre die Innenstadt von Vancouver / Canada - ältere Häuser spiegeln sich in den Wolkenkratzern), bilden sie einerseits nicht den nötigen Kontrast zum Kunstwerk, andererseits wurde bei solchen Häusern der Funktion vor der Ästhetik der Vorzug gegeben. Die Gebäude auf der linken Seite, außer der einen interessanten Kontrast bietenden Deutschen Bank in rötlichem Ton, sind allesamt modernen Stils. Deshalb wirken sie als Hintergrund für den Brunnen auch eher negativ.
Wirkung der Größe
Der Künstler versuchte in Hinblick auf die Monumentalität einen Kompromiß einzugehen, der mir persönlich ein wenig mißfällt. Weder die historischen Denkmäler mit überdimensioniertem Sockel noch die Figuren auf gleichem Niveau wurden nachgeahmt, für eine bessere Wirkung hätte das Denkmal ruhig größer sein können.
Der Brunnen und die Bremer
Während des Malens ist mir die große Akzeptanz des Kunstwerks vor Augen geführt worden. Viele Kinder kletterten über Bänke , Nixen (eignen sich hervorragend als Leiterersatz) und Poseidon. Viele Bremer und auch Touristen machen während ihrer Sonntagsspaziergänge einen kurzen Halt oder photographieren. Dies zeigt meiner Meinung nach, daß der Brunnen, so wie er ist, im großen und ganzen gelungen ist. Positiv finde ich auch den Versuch der Darstellung einfach nur eines mythologischen Themas, keinerlei bedeutungsschwangere Symbolik stört den Anblick.
(Gustaf Mossakowski, Februar 1995)
Quellen und Referenzen
- Meyers Großes Taschenlexikon, F.A. Brockhaus, 2. Auflage 1987
- Der Neptun-Brunnen auf dem Domshof in Bremen, herausgegeben vom Gerhard-Marcks-Haus, 1992
- Waldemar Otto: Skulpturen (Entwürfe und kleine Formate), Galerie Chor-Zirus, 1990.
- Photos des Neptunbrunnens, Olbers-Planetarium HB
- Längerer Lebenslauf
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Letzte Änderung/last update: 13.09.2002, <gustaf@koenige.org>