Virtuelle Realitäten: Metamorphose
Einleitung
Themenabend im Rahmen des Leseseminars "Virtuelle Realitäten" am Lehrstuhls für Gebäudelehre und Entwerfen, Wintersemester 2000/2001
Metamorphose: Grenzen des Körpers überwinden (des Körperlichen?)
Telepolis (5.4.2000): Computer Mediated Body - Die Vision vom Lebensraum im ComputerGibt eine gute, knappe Zusammenfassung des Themas (das geht in Richtung Transhumanismus oder so ...)
Futurama, Folge 22: A Bicyclopa built for ...
(6 min.)
Begriffsdefiniton
Metamorphose: Verwandlung, Umgestaltung. Aus der Biologie: Verwandlung der Larven, Raupen etc. in Insekten, Käfer, Schmetterlinge.
- Metamorphose von M.C. Escher
- Metamorphose eine Raupe in einen Schmetterling
Virtuelle Realität: nicht weit gefaßt wie am 1. Themenabend. Es existiert ein Unterschied zwischen VR und virtuellem Raum sowie virtuellen Welten. - Subjektive Empfindungen eines Menschen sind noch keine VR. Das sind z. B. Träume, die der Träumende nie annähernd zufriedenstellend einer anderen Person schildern kann, so dass sie ähnliche Empfindungen, Bilder etc. sich vorstellt. Wir können davon ausgehen, dass die Empfindung eines Tisches bei anderen Personen relativ ähnlich ist, auch wenn es da auch Unterschiede gibt und diese Empfindung auch letztendlich subjektiv ist, aber zu einem geringeren Grad.
Historisches, Geschichte, Motivation, Religion
Unsterblichkeit
- Religionen gehen von Unsterblichkeit oder Wiedergeburt aus, d. h. es gibt eine Substanz, Essenz (Seele) und eine sterbliche Hülle (Körper).
- Dualismus in der Philosophie
- Alte Riten sorgten ab und zu für eine völlig andere Körpererfahrung. Das fehlt der modernen Gesellschaft und deswegen such sie sich Ersatz
- "Das Mediale - das Virtuelle - das Telematische":
"Die Medien sind Faktoren der Entkörperlichung. Der menschliche Körper wird entweder zu einer Prothese transformiert oder tendenziell substituiert" - Paul Virilio: "Cyberwar, God And Television". Interview
- McLuhan: Medien sind Verlängerungen menschlicher Funktionen. Siehe "Die technischen Bilder: Zur Theorie von Vilem Flusser"
- Entkörperlichung des Lebens im Laufe der Zeit, Beispiel Briefe schreiben:
Kafka: "Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß... eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben. Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern, und zwar nicht nur den Gespenstern des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hand in den Brief, den man schreibt, entwickelt, oder gar in einer Folge von Briefen..." (Briefe an Milena) - Wie mache ich mich unsterblich?
Visionen
Stelarc. Ersetzung des Körpers
- Stelarc: Ersatz der Körperteile durch moderne Technik
- Persönlichkeit im Prinzip nur im Gehirn, digital speicherbar
Stelarc: "die physiologische Hardware des Körpers bestimmt die geistigen Fähigkeiten und das Bewußtsein. Man gelangt zu einer anderen Wahrnehmung, wenn man diese Hardware verändert." Wir verwandeln uns in eine hybride Mensch-Maschine. Cyborgs. Bionik. Erfahren dadurch eine veränderte Realität. Stelarc: "Der Körper ist veraltet." Vision von der Verwandlung des Körpers in ein technisches Gebilde, die Identität wird dann durch die neuen technischen Bestandteile und den Geist gebildet. Erweitert werden die körperlichen Funktionen.
- Überwindung des Körpers bedeutet auch Verlust von Eindrücken, Empfindungen.
- Körper und Geist sind eins
- biologische Machbarkeit von Stelarcs Vision (siehe Artikel "Stelarc", Reaktion Neurobiologe) Stelarc erkennt die Qualitäten seines "veralteten" Körpers nicht.
Verhältnis Körper/Geist (Bierdeckel, Glas)
Phantomatik (Stanislaw Lem: "Summa technologiae", 1964)
Handlungungen in der VR fallen nicht zwingend auf die physische Wirklichkeit zurück
Zu Perfektion der VR-Illusion:
- Stanislaw Lem: Heute klare Abtrennung von VR und physischer Realität möglich.
- Stanislaw Lem: es gibt keine KIs, die die nicht-physischen Personen glaubwürdig machen
- siehe dazu Bewusste und unbewusste Illusionen. Rauschgift, virtuelle Realität, Künstliche Intelligenz und das Internet
- Erweiterungen des Körpers durch Werkzeuge (auch VR) bringen Verbesserungen, aber auch Verschlechterungen. Beispiel Pinzette als Erweiterung der Hand, ermöglicht genaueres Greifen, verhindert dagegen aber fühlen
- Stanislaw Lem: Probleme mit der Phantomatik
- Interview Jaron Lanier. Physische Grenzen des Raums sind auch virtuelle.
Gehirn und direkte Einflussnahme auf die Neuronalzellen
- "Mit Gedankenkraft. Elektrische Gehirnaktivität steuert Computer", c't 6/1999
Möglichkeit, direkt auf das Gehirn einzuwirken bzw. aus ihm auszulesen. Teilweise möglich, aber sehr kompliziert. Bessere Chancen mit Implantationen ins Gehirn (bisher v. a. bei Menschen angewandt, die aufgrund einer Lähmung nicht kommunizieren können)
Sinn einer VR. Ist sie nötig? Ist sie überhaupt möglich (in der perfekten Form, Lem: Bischof-Berkeley-MaschineKonkrete Umsetzungen
auch Klärung der Begriffe
Phantomatik konkret (Flugsimulatoren, Ars-Electronic-Kugel)
c't 20/2000: Bodyspin. Installation auf der Ars Electronica. Kugel, in der 360 Grad Projektion einer VR erfolgt, Steuerung durch Bewegung und andere Körperfunktionen
Simulation
- Ausbildung Pilot
- Ausbildung Biologe/Mediziner. Tierversuche können reduziert werden. Einsatz einer kleineren Anzahl von Körpern
Avatare
Avatare sind Bilder einer Person im VR, die dieser jedoch nicht in der realen Welt entsprechen müssen. Die Form (Aussehen etc.) ist im VR beliebig und tritt so hinter die Persönlichkeit (Kommunikationsfähigkeit, Eloquenz etc.) zurück. Avatare in verschieden starken Ausprägungen findet man in Chatrooms (heutzutage sehr simpel, nur durch einen Namen dargestellt), in MUDs etc. Die Persönlichkeit tritt bei Avataren deutlich vor die Form, der eigene Körper bleibt unerkannt.
Prothetik (als 'Gegensatz' zu netzbasierten Wesen/Avataren)
cybernetic organism = Cyborg- Genetische Veränderungen zur Verbesserung des Körpers, Transplantationen
Wearables (als realisierte (und reversible) Vorstufe der Prothetik)
Augmented Reality: VR als Erweiterung der Wahrnehmung, stärkerer Realitätsbezug
- "Willkommen im Augment", c't 6/1999, S.374
- Facility Management und digitales Bauen, Prof. Hovestadt, ETH Zürich http://www.digitales-bauen.de/
- Roboter landen auf dem Mars, Menschen auf der Erde steuern diese via Datenhandschuh und Brille und sind so virtuell auch auf dem Mars
- "Computer machen Leute" c't 4/1998, S.90
Auch Laien können Expertenarbeit verrichten. Es wird Geld, Zeit und Material gespart. Geringere Fehlerquote.
intelligent Agents (Minsky), Simulationen
- Telepolis (23.08.1999): Künstliche Gesellschaften (das geht so ein bisschen in Richtung "Spieltheorie")
- Telepolis (02.07.1998): Virtuelle Agenten auf dem elektronischen Marktplatz
- Telepolis (16.01.1997): Künstliches Leben und virtuelle Agenten
- Denkende Kaffeetassen bauen eigene VR auf, die dem Menschen nützt. Er bleibt aber aussen vor.
Der Clou an der Tasse ist halt, dass sie zum einen erkennt, ob sich mehrere Tassen im gleichen Raum befinden und dementsprechend die Telefonanlage programmiert und zum anderen dass sie beispielsweise über einen Temperatursensor erkennt, ob der Kaffee noch warm ist oder ob neuer gekocht werden muss. Dadurch existiert quasi eine eigene "Welt der Kaffeetassen".
Roboter (als Hardware- und Real-Life-Agenten)
Überwindung von Ferne durch Netzwerke
Statistiken: Alle möglichen Leute haben mir bestätigt, dass es Studien gibt, die belegen, dass der Mensch im Schnitt eine begrenzte Anzahl von sozialen Kontakten pflegt. Dies hat sich durch das Internet nicht signifikant geändert. Leider konnte mir niemand weiterhelfen, diese Studie(n) zu finden. Alles was ich gefunden habe ist die "Gegenstudie" aus Toronto, wo eine Nachbarschaft komplett mit breitbandigen Internetzugängen ausgerüstet wurde und daraufhin alles besser wurde (oder so ...).Gesellschaftliche Auswirkungen
- Achim Bühl: Cyberspace und Virtual Reality. Sozialwissenschaftlicher Forschungsbedarf" (in: Forum Wissenschaft 1/1995)
- "Telepathie in Telepolis" - da geht es um Kritik an der Virtualisierung
Informationsgesellschaft
Nord-Süd-Konflikt
Aufmerksamkeitsökonomie (Persönlichkeit zählt, nicht Form), Bilderflut
- Wider die Bilderflut
- Vielleicht wird das Bewußtsein für die physische Welt geschärft und dass wir uns in ihr auch nur bewegen und sie gestalten und verändern können. Das sie nicht gottgegeben ist. (Stärker ausdrücken!) JL: "neugewonnener Sinn für die physische Realität" (nach Verlassen einer virtuellen R.) hierzu auch Kamper: "Daß man jetzt dem Augenschein traut und die Welt, die fast alle wahrnehmen, als allgemeinverbindlich ansieht, ist ein geläufiger Irrtum, aber nichtsdestoweniger ein Irrtum."
Verschwinden der Distanz, Unwichtigkeit des Ortes
- Achim Bühl: Soziologie virtueller Welten - eine neue Epoche der
Mensch-Maschine-Kommunikation (in: Forum Wissenschaft 4/1995)
Kritik an Bilderflut, Unwichtigkeit des Ortes - Die Zerstörung der Distanz (Paul Virilio u. a.)
Spassgesellschaft
Aktionen im Cyberspace haben keine Auswirkung auf die reale Welt
- Handlungen in der VR fallen nicht unbedingt auf die physische Realität zurück (siehe Interview mit Jerome Lanier)
Fazit
- Welche Qualitäten unterscheiden virtuelle von realen Begegnungen/Interaktionen?
- Wechselbeziehungen (Interdependenzen) zwischen Mensch und KI?
- Ist das Überwinden der eigenen Körperlichkeit erstrebenswert? Ist es überhaupt möglich?
- Was passiert bei Stromausfall?
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Letzte Änderung/last update: 13.01.2001, <gustaf@koenige.org>